Didaktische Reduktion – Digitaler Wandel ruft nach Reduktion

Die Digitalisierung macht auch vor der beruflichen Weiterbildung nicht halt: Ausbildende, Berufsbildner und Lehrende müssen neues Wissen in immer kürzerer Zeit vermitteln. 

Vermutlich kennst du die Erfahrung aus der eigenen Schulzeit: Wer einen wirklich guten Spickzettel anfertigte, brauchte Sorgfalt und Zeit – später dann aber meist den aufwendig gestalteten Mini-Zettel selbst nicht mehr. 

Denn allein durch seine Erstellung fanden bereits wichtige Verarbeitungsprozesse statt: Die schwierige Auswahl, was auf der winzigen Gedächtnisstütze notiert wird und was verzichtbar ist, erreichte, dass der Lernstoff erfolgreich ins Langzeitgedächtnis befördert wurde. 

Was ist didaktische Reduktion? 

Stoffreduktion fördert die Qualität des Lehrens und Lernens: Statt vollständig wird gründlich gelernt. Das Ziel ist nicht eine Anhäufung von auswendig gelerntem Stoff, sondern ein umfassendes Verständnis der Fakten, Regeln und Zusammenhänge. Das entsteht idealerweise dadurch, dass neue Informationen laufend in vorhandene Wissensstrukturen integriert werden. 

Am besten gelingt dies, wenn Lernende sich tiefenorientiert mit bestimmten Inhalten aktiv auseinandersetzen. Wenn Ausbildenden Ihnen dazu das Wesentliche einer Lerneinheit -didaktisch reduziert aufbereitet- anbieten, gelingt der Zugang auch bei herausfordernden Themen leichter. 

Yvo Wüest

Autor mehrerer Fachbücher zum Thema, empfiehlt didaktische Reduktion – als aktive Lernhandlung ebenso wie für die Trainingsplanung.

Lernen in Zeiten der digitalen Transformation

Wie reagieren wir auf die Herausforderung «viel Stoff – wenig Zeit» und wie kommen wir trotz der Stofffülle und komplexer Inhalte auf den Punkt? Insbesondere dann, wenn wir statt einem grossen Zimmer, nur noch einen Laptop-Bildschirm oder das Display eines Smartphones zur Verfügung haben?

Wir leben in einer Umbruchszeit. Nicht erst seit den Verordnungen rund um Corona, beobachten wir eine fortschreitende Digitalisierung zentraler Lebensbereiche. Sie verändert die Art und Weise, wie Lernende Wissen suchen, erwerben und verarbeiten. 

Definition von Didaktischer Reduktion

(«Didaktische Reduktion». Legende: HRM-Dossier Nr. 76
«Auf den Punkt – Didaktisch reduziert lehren und präsentieren, 2017, S. 47)

Die Tatsache, dass immer mehr Menschen Lerninhalte nicht nur auf der Wandtafel, dem Whiteboard oder auf der Leinwand sehen, sondern auch auf einer Lernplattform und von unterwegs auf ihrem Tablet oder Smartphone abrufen wollen, verlangt nach Reduktion. 

Der Fokus auf Kompetenzorientierung 

Statt wie früher, Inhalte einfach nach eigener Vorliebe auszuwählen, überlegen sich Ausbildende heute, welche Kompetenzen die Lernenden erwerben müssen. Sie fragen sich welche Performanz oder Handlungsfähigkeit sie in einer definierten Situation beweisen sollen. 

Weil sich viele Ausbildende mit Gruppen von Lernenden konfrontiert sehen, die zunehmend unterschiedlichere Lernvoraussetzungen mitbringen, braucht es «Binnendifferenzierung». Unterschiedliche Lernpfade und Zugänge zu komplexen Inhalten müssen entwickelt werden.

Wir reduzieren intuitiv 

Die Lernhandlung des Reduzierens nutzen wir ganz intuitiv immer wieder. Oft begleitet sie andere Lernaktivitäten: Wenn sich eine junge Frau in einer Ausbildungssituation bestimmte Details einer Instruktion notiert oder am Ende eines Arbeitstages im Ausbildungsbetrieb diesen mit eigenen Worten zusammenfasst, arbeitet sie reduktiv. 

Auch wenn sie später zu Hause ihrem Vater über den Lernprozess berichtet oder der Kollegin, die krankheitshalber zwei Tage ausgefallen war, die wichtigsten Erkenntnisse darlegt, praktiziert sie nichts anderes als didaktische Reduktion. 

Wenn Ausbildende Feedback geben

Wir reduzieren aber auch bei einer Bewertung oder bei einem qualifizierten Feedback: Bei der inhaltlichen Rückmeldung erfassen wir Zusammenhänge, stellen Bezüge her und entwickeln übergeordnete Konzepte. All diese Vorgehensweisen nutzen reduktive Elemente. Denn sie setzen eine intensive und vertiefte, manchmal auch anstrengende Auseinandersetzung mit den gegebenen Inhalten und Fakten voraus. 

Reduktion als Lernhandlung 

Berufsbildner und Ausbildende haben die Möglichkeit, diese Art der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem vorbereiteten Lernstoff aktiv anzustoßen. Mit dem Konzept der „didaktischen Reduktion“ im Hinterkopf können sie ihre Teilnehmer beauftragen mit:

1. begründeten Prozessen der Auswahl:
Der Ausbilder lädt die Lernenden ein, sich bei der tieferen Bearbeitung von Lerninhalten für bestimmte Inhalte zu entscheiden und andere außen vor zu lassen. 

2. der Vereinfachung von Inhalten:
Er fordert sie zum Beispiel auf, komplexe Zusammenhänge durch eine übersichtliche Visualisierung am Flipchart oder A3-Blatt zu reduzieren und zu vereinfachen – eine hilfreiche Maßnahme, die allerdings manchen Lernende überfordern könnte. 

3. der Konzentration auf das Wesentliche:
Bei dieser erfahrungsgemäß effektivsten Art der didaktischen Reduktion bittet der Ausbilder die Lernenden, Aussagen oder Beschreibungen auf ihren Kerngehalt zu konzentrieren – und verordnet so eine inhaltlich motivierte Auseinandersetzung mit dem Lernstoff (siehe Kasten). 

Zu dieser inhaltlichen Reduktion können Berufsbildende auch mit zwei ganz praktischen Übungen einladen. Bei der ersten durch die Einschränkung des verfügbaren Raums: Hier lädt der Ausbilder die Lernenden ganz offiziell ein, zu einem definierten Thema einen Spickzettel im eingangs erwähnten Kleinformat anzufertigen. 

Die zweite setzt auf eine künstliche Verknappung der Zeit: Die Lernenden erhalten dann den Auftrag, ein „One-Minute-Paper“ zu erstellen, welches eine Konzentration der Lerninhalte mit einer Rückmeldung zum Lernanlass verbindet. Meist zum Abschluss einer Lerneinheit sollen die Teilnehmer dann maximal zwei Fragen auf einem Blatt beantworten: 

  • Was sind meine wichtigste Lernerkenntnisse von heute? 
  • Was muss ich noch vertiefen oder welche Frage ist für mich offengeblieben? 
(5 G’s mit Bildlegende: HRM-Dossier Nr. 76 «Auf den Punkt – Didaktisch reduziert lehren und präsentieren,2017,S. 9)

Wenn Ausbildende reduzieren müssen 

Oft genug müssen Berufsbildende aber auch selbst reduzieren, weil die veranschlage Lehrzeit immer kürzer wird. Die entscheidende Frage ist dann: Was gehört zu dem jeweils grundlegenden Wissensbestand –  etwa der Mechatronik oder Kostenrechnung – der in jedem Fall gelernt werden muss? 

Hier hilft zum Beispiel ein Modell des Pädagogen Wolfgang Klafki. Der Pionier der didaktischen Reduktion hat sich intensiv damit beschäftigt, wie Lehrende aus einer Fülle von Inhalten jene herausfiltern können, die unverzichtbar sind. Seine Kernbotschaft: Am einfachsten gelingt dies, wenn die Bildungsanliegen der Lerner in den Mittelpunkt gestellt werden. Trainer sollten sich demnach fragen: Was ist für meine definierte Zielgruppe innerhalb ihres spezifischen Kontextes wichtig? Was muss, was kann diese Zielgruppe verstehen? Und was weiß sie schon? 

Auswahl mit dem Klafki-Modell 

Bei dieser didaktischen Analyse hilft Klafkis Modell zur Reflexion von Bildungsinhalten. Es gibt Ausbildenden Orientierung bei der Entscheidung, welche Inhalte den Teilnehmern einerseits grundlegende Erfahrungen und Einsichten ermöglichen und andererseits auch einen Transferwert besitzen, der über die konkrete Aufgabe hinausgeht. Vor allem aber unterstützt es den Ausbildende dabei, die Lernvoraussetzungen ihrer Lernenden zu erkennen. 

Dabei helfen die fünf Grundfragen des Modells:

1. Fragen zur exemplarischen Bedeutung : 

  • Welchen allgemeinen Sinn oder größeren Sachzusammenhang vertritt oder erschließt dieser Inhalt? 
  • Welche Grundprinzipien, Gesetze, Kriterien oder Probleme lassen sich in der Auseinandersetzung mit dem Inhalt erfassen? 
  • Welche Methode, Technik oder Haltung macht er verständlich? 

2. Die Gegenwartsbedeutung: 

  • Welchen Stellenwert hat der betreffende Inhalt bereits im Leben der Teilnehmer? 
  • Inwiefern ist die an diesem Thema zu gewinnende Erfahrung, Erkenntnis, Fähigkeit oder Fertigkeit relevant im Businessalltag? 
  • Welche Bedeutung sollte der Inhalt – dem Weiterbildungsziel entsprechend – darin haben? 

3. Die Zukunftsbedeutung: 

  • Hat das Thema eine Bedeutung für die Zukunft der Teilnehmer? 
  • Welcher Art?

4. Struktur des Inhalts:

  • Welche Struktur hat die durch Punkt 1, 2 und 3 in den Fokus gerückte Thematik?
  • Unter welchen Perspektiven soll das Thema bearbeitet werden?
  • Gibt es verschiedene Bedeutungsschichten?
  • Welches Vorwissen ist nötig?

5. Die Zugänglichkeit:

  • An welchen Fällen, Phänomenen, Ereignissen oder Personen kann ich die Teilnehmer anregen, sich mit dem jeweiligen Inhalt auseinanderzusetzen? 
  • Wie kann der Inhalt anschaulich werden? 

Der Substanz-Check: Ist alles drin? 

Nach der Konzentration der Inhalte kommt dann oft die Unsicherheit. Und die bange Frage: „Habe ich die Kernbotschaft herausgearbeitet? Sind die von mir ausgewählten Inhalte bedeutsam und erweitern sie wirklich den Kenntnisstand der Lernenden?“ 
Wer hier unsicher ist, sollte den Substanz-Check machen. Denn, ob die jeweils ausgewählten Aussagen relevant genug sind, lässt sich immer nur für eine konkrete Gruppe von Lernenden und ihren aktuellen Kenntnisstand bestimmen. 
Beim Substanz-Check reflektieren die Ausbildenden systematisch die in ihrem Lehrplan verwendeten Begriffe aus der Sicht der Lernenden und passt sie bei Bedarf an. Diese drei Arbeitsschritte haben sich dabei bewährt: 

1. Begriffe auflisten und gewichten: 
In einem ersten Schritt werden alle im Konzept benutzten Fachbegriffe notiert, dann die – aus Sicht der Zielgruppe – wichtigsten davon farbig markiert. 

2. Die Begriffsliste prüfen und ausdünnen:
Nicht markierte, doppelt geführte oder vielleicht sogar – für die Zielgruppe – überflüssige Begriffe streicht die Ausbildenden ersatzlos. Zusätzlich versuchen sie erneut, die Komplexität zu reduzieren und fragen sich: Gibt es Möglichkeiten, gewisse Begriffe durch Beispiele zu ersetzen, die zum Thema, Lernziel und zur beabsichtigten Wirkung passen? 

3. Definitive und reduzierte Begriffsliste erstellen:
Nun werden die Beziehungen zwischen den übrig gebliebenen Begriffen geklärt und übergeordnete Zusammenhänge herausgearbeitet. Schießlich werden die Begriffe in eine entsprechende Ordnung und Hierarchie gebracht. 

Jetzt steht der Plan der Lerneinheit endgültig: hoch konzentriert und didaktisch reduziert. 

Was ist wichtig? 

Mit den drei Begriffen aus Wolfgang Klafkis Konzept der „kategorialen Bildung“ lassen sich unverzichtbare Inhalte identifizieren. Passen sie in eine Kategorie, sind sie wertvoll. 

DAS FUNDAMENTALE

… dient der Vermittlung von grundlegenden Erfahrungen und Einsichten. Dies lässt sich am besten über eine besondere Erfahrung oder ein Erlebnis vermitteln. Solche Gelegenheiten gezielt herbeizuführen, ist schwierig.
Beispiel: Das gemeinsame Absolvieren eines Hochseilparcours kann deutlich machen, wie wichtig Kommunikation für den gemeinsamen Erfolg ist. 

DAS ELEMENTARE

… unterstützt die Vermittlung eines allgemeinen Prinzips. Es steht für einfache und grundlegende Sachverhalte, die über sich selbst hinausweisen. Beispiel: Das Eisbergmodell, das die Größe des Anteils unbewusster Elemente verdeutlicht, erklärt unausgesprochene Signale in der zwischenmenschlichen Kommunikation. 

DAS EXEMPLARISCHE

… soll helfen, Fundamentales und Elementares zu erschließen. Es ist ein Typisches, das für ein größeres Sachgebiet steht. Beispiel: Anhand eines typischen Konfliktgesprächs zwischen Ehepartnern lässt sich zeigen, wie stark nonverbale Kommunikation wirkt. 

Auf dem Weg zu hybridem Lernen

Die steigende Bedeutung von «Blended Learning», der Verschränkung von Präsenzunterricht mit E-Learning, sowie hybrides Lernen, das heisst die Kombination aus Präsenz- und Distanzlernen, stellt Bildungsanbieter vor didaktische und organisatorische Herausforderungen. 
Eine wichtige Aufgabe von Berufsbildenden und Ausbildende ist es darum, umfangreiche oder komplexe Sachverhalte auf ihre wesentlichen Elemente und fundamentalen oder kausalen Zusammenhänge zurückzuführen.
Diese sind für Lernende leichter fassbar und bleiben besser im Gedächtnis haften. Wer professionell lehren möchte, ist darum gut beraten, sich für eine kluge Auswahl sowie Konzentration und Vereinfachung des Stoffes zu bemühen. 

Über den Autor

Yvo Wüest

Yvo Wüest ist vom Hintergrund her Übersetzer und Dolmetscher. Mehrere Jahre arbeitete er in der Internationalen Zusammenarbeit mit dem Schwerpunkt Karibik und Lateinamerika. Er verfügt über langjährige Erfahrung in der Erwachsenenbildung auf der Stufe Dozent, Studienleiter und Schulleiter. Sein Spezialgebiet ist die Didaktische Reduktion. Als Trainer ist er zu diesem und weiteren didaktischen Themen in der Schweiz und international unterwegs. Im Februar 2022 erscheint im Beltz Verlag in der Reihe «mini-Handbuch» sein neues Buch zum Thema «Reduktion». 

www.didacticalreduction.com

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