Top-Lernstrategien für Auszubildende

Warum haben Menschen eigentlich immer wieder das Gefühl, nicht genug gelernt zu haben, obwohl sie sich stundenlang mit dem Lernstoff beschäftigen? 

Lernstrategien werden in fast allen Lehrbüchern über pädagogische Psychologie behandelt, so dass viele Ausbilder:innen wahrscheinlich zumindest einige davon kennengelernt haben. Angesichts der Anforderungen an ihren Beruf haben sie nicht immer die Zeit, herauszufinden, welche Strategien für ihre Auszubildenden am besten geeignet sind. Der Einsatz von Lernstrategien kann das Verständnis und die Leistung der Auszubildenden verbessern. Er ist aber nur dann wirksam, wenn sie selbst auch motiviert sind, diese richtig anzuwenden. Wenn man Menschen beibringt, wie sie das Lernen von Inhalten mit Hilfe wirksamer Strategien steuern können, werden sie ihr ganzes Leben lang erfolgreich lernen können. Die gute Nachricht ist, dass es sehr viele hilfreiche Lernstrategien gibt. Um die Vermittlung dieser Strategien zu fördern, werden in diesem Beitrag einige Lernstrategien vorgestellt und ihre Anwendung erläutert. 

Die effektivsten Lernstrategien

Zwei Strategien – nämlich kurze Tests und verteiltes Üben – verbessern das Verstehen einer Vielzahl von Lerninhalten für Lernende jeden Alters und dienen zur Leistungssteigerung.

Sabine Gessenich

Sabine Gessenich empfiehlt die Anwendung von bewährten Lernstrategien für Auszubildende und verdeutlicht, wie wichtig die intrinsische Motivation für den persönlichen Lernerfolg ist.

Kurze Tests

Test, Prüfung und Quiz sind Wörter, die bei vielen Menschen Angst auslösen. Diese Angst ist vielleicht nicht unangebracht, wenn man bedenkt, dass bei Prüfungen manchmal viel auf dem Spiel steht. Durch Tests, die erst nach Abschluss des gesamten Lernprozesses durchgeführt werden, gehen die Vorteile einer der effektivsten Strategien zur Verbesserung des Lernerfolgs verloren. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts hat man in den USA herausgefunden (und danach weiter daran geforscht), dass regelmäßig durchgeführte Tests im Vergleich zum mehrfachen Lesen des Lernstoffes erhebliche Lernfortschritte bringen. Wenn Lernstoff in kleinschrittigen täglichen Kurzüberprüfungen abgefragt wird, hat das einen sehr positiven Einfluss auf den jeweiligen späteren Gesamttest.

Verteiltes Üben

Eine zweite hochwirksame Strategie ist das verteilte Üben – eine unkomplizierte und einfach anzuwendende Technik. Betrachten Sie die folgenden Beispiele: Ein Kind lernt für einen Rechtschreibtest eine Liste mit 10 Wörtern. Es könnte das erste Wort buchstabieren und mehrmals hintereinander aufschreiben und dann zum nächsten Wort übergehen. 

Eine alternative Strategie wäre, jedes Wort nur einmal zu schreiben und nach dem Abschreiben des letzten Wortes wieder mit dem ersten Wort zu beginnen und jedes der Worte noch einmal zu schreiben. Diese Art des Übens wird als verteiltes Üben bezeichnet, weil das Üben eines Wortes über einen Zeitraum verteilt wird (und die Zeit zwischen dem Üben eines Wortes mit einer anderen Aktivität gefüllt wird – in diesem Fall mit dem Schreiben anderer Wörter).

Stellen Sie sich nun einen Achtklässler vor, der versucht, für eine Klassenarbeit einige Grundbegriffe der Biologie zu lernen. Er könnte am Abend vor der Prüfung in einer einzigen Sitzung fleißig seine Notizen durchlesen, bis er glaubt, dass er für die Prüfung bereit ist. Das ist eine Lerntaktik, die man Pauken nennt und die praktisch alle Schüler:innen anwenden. Alternativ könnte er seine Notizen und Texte in jeweils kürzeren Sitzungen an mehreren Tagen vorher lernen. Es ist definitiv erwiesen:  Lernende behalten Wissen und Fertigkeiten länger, wenn sie ihre Lerneinheiten verteilen, als wenn sie ‚pauken‘. Dies gilt auch, wenn sie hierbei insgesamt die gleiche Zeit aufwenden.

Weitere erfolgversprechende Strategien

Verschachteltes Üben

Bei dem verschachtelten Üben wird nicht nur das Üben über mehrere Lerneinheiten verteilt, sondern auch die Reihenfolge der Themen vertauscht.

Betrachten Sie einmal, wie ein Standard-Mathematik-Lehrbuch (oder die meisten naturwissenschaftlichen Lehrbücher) eine intensive Übung vorsieht: zuerst lernen die Schüler:innen vielleicht das Addieren und Subtrahieren von reellen Zahlen und üben dann einen Block mit dem Addieren von reellen Zahlen, gefolgt von einem Block mit dem Subtrahieren. Das nächste Kapitel würde das Multiplizieren und Dividieren von reellen Zahlen einführen, und dann würde sich die Praxis zuerst auf das Multiplizieren von reellen Zahlen konzentrieren und dann auf das Dividieren – usw. Auf diese Weise üben die Schüler:innen massenhaft ähnliche Themen am Stück. Sie üben mehrere Fälle einer Art von Mathematikthemen, bevor sie die nächste Art üben. In diesem Beispiel würde das verschachtelte Üben bedeuten, dass eine Aufgabe jedes Typs (erst Addieren, anschließend Subtrahieren, dann Multiplizieren und danach Dividieren) gelöst wird, bevor eine neue Aufgabe jedes Typs gelöst wird. Ein Aspekt, den die Schüler:innen an der ‚Massenübung‘ reizvoll finden, ist die Tatsache, dass sich ihre Leistung bei der Arbeit an einem bestimmten Thema schnell verbessert. Meist ist das ein Irrtum. Die Schüler:innen glauben, dass sie ein Thema gut gelernt haben, obwohl sie in Wirklichkeit nur flüchtig lernen. Ein gestaffeltes Üben (möglichst noch mit Bezug zu einem praktischen Beispiel) hingegen kann die Leistungen der Schüler:innen drastisch verbessern und ihre Problemlösekompetenz erhöhen. 

Vertiefende Fragen stellen und sich Sachverhalte selbst erklären

Das sind zwei zusätzliche Lernstrategien, die sehr erfolgreich angewendet werden können. Stellen Sie sich vor, ein:e Schüler:in  liest einen einführenden Text über Photosynthese: “Bei diesem Prozess wandelt eine Pflanze Kohlendioxid und Wasser in Zucker um, der ihre Nahrung ist. Dabei wird Sauerstoff freigesetzt.” Wenn die Schülerin oder der Schüler während des Lesens eine Art Fragetechnik anwenden würde, könnte sie oder er versuchen zu erklären, warum diese Tatsache wahr ist. In diesem Fall könnten sie sich denken, dass es wahr sein muss, weil alles Lebende eine Art von Nahrung braucht und Zucker etwas ist, was man als Nahrung zu sich nimmt. Auch wenn sie nicht genau die richtige Erklärung finden, kann der Versuch herauszuarbeiten, warum eine Tatsache wahr sein könnte, dem Verständnis und dem Behalten des Gelesenen förderlich sein. Zusätzlich sollte man Lernende immer erklären lassen, wie die neuen Informationen mit bereits bekannten Informationen zusammenhängen. Sie könnten in diesem Fall einen Bezug zum menschlichen Stoffwechsel herstellen.

Schüler:innen, die neue Probleme lösen, bei denen es darum geht, das Gelernte zu übertragen, schneiden besser ab, wenn sie Selbsterklärungsmethoden anwenden. Ein Grund, warum diese Techniken das Lernen und Verstehen fördern und die Problemlösungsleistung steigern können ist, dass sie die Schüler:innen dazu anregen, den Inhalt aktiv zu verarbeiten und mit ihrem Vorwissen zu verknüpfen. Bereits in der Grundschule kann man Kinder dazu anregen, nach dem „warum“ zu fragen und ihnen beibringen, selbst Antworten zu entwickeln. Diese Strategie ist dann später für ältere Lernende besonders nützlich beim Lesen von längeren Texten, in denen Sachverhalte aufeinander aufbauend beschrieben werden. Eigentlich müssen sie sich erst einmal nur eine bestimmte Frage stellen, die für das, was sie aktuell lernen am relevantesten ist. Wenn man gerade dabei ist, ein bestimmtes Problem zu lösen, fragt man sich beim Lesen des Textes „Welche neuen Informationen liefert mir jetzt dieser Satz oder Textabschnitt und wie hängt er mit dem zusammen, was ich bereits weiß?

Um diese Strategie in vollem Umfang nutzen zu können, müssen die Schüler:innen versuchen, sich die Dinge selbst zu erklären und nicht nur zu beschreiben oder zusammenzufassen, was sie gerade tun oder lesen. 

Weniger nützliche Strategien (die leider von Lernenden häufig verwendet werden)

Neben den oben erwähnten vielversprechenden Strategien gibt es auch einige, die nicht sehr hilfreich sind. 

Erneutes Lesen und Unterstreichen von Texten

Diese beiden Strategien sind bei den Lernenden außerordentlich beliebt. Eine an einer Eliteuniversität durchgeführte Umfrage ergab, dass 84 Prozent der Studenten ihre Notizen oder Lehrbücher mehrmals durchlesen. Trotz seiner Beliebtheit hat das erneute Lesen keine nachhaltigen Auswirkungen auf das Lernen. Es verbessert nicht das Verständnis des Gelesenen und ist reines Auswendiglernen. Das mehrfache Lesen kann also für die Schüler:innen relativ einfach sein, aber sie sollten ermutigt werden, andere Strategien anzuwenden. 

Genauso wenig hilfreich ist das Unterstreichen von Textpassagen beim ersten Durchlesen, da hierbei oft versäumt wird, Zusammenhänge verschiedener Ideen im Text zu erfassen.

Zusammenfassung

Die Anwendung von bewährten Lernstrategien hilft Lernenden aller Altersklassen. Grundvoraussetzung ist jedoch die Bereitschaft, sich mit dem Lernstoff auseinandersetzen zu wollen. Ausbilder können ihren Auszubildenden weiterhelfen, indem sie Ihnen aufzeigen, was der Unterschied zwischen sturem Auswendiglernen und wirklichem Verstehen ist. Lernende sollten schon früh ermutigt werden, sich Fragen zu stellen und zu versuchen, Sachverhalte eigenständig zu verstehen. 

Tipps & Übungen

Hier geht es zum kostenfreien POTENTIALO®-Lernstrategien-Kurs inklusive Bonus-Download  für Jugendliche:

Weiterführende Informationen:

Hier erfahren Sie mehr über Lernstrategien bei mangelnder Lernmotivation:

Hier gibt es Tipps zur Verbesserung der eigenen Lerngewohnheiten:

Hier können Sie nachlesen, wie man Gelesenes gut behalten kann:

Über die Autorin

Sabine Gessenich

Sabine Gessenich ist Inhaberin der POTENTIALO®-Lernberatung. Sie verfügt über langjährige Erfahrung in der Beratung von Menschen, die ihre jeweilige Lernsituation verbessern möchten. Ihr Spezialgebiet ist die Potentialentfaltung. Deshalb fördert sie mit ihrer Arbeit die Entwicklung von sozial-emotionalen Kompetenzen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen und setzt sich in verschiedenen Gremien für die dringend notwendigen Veränderungen in unserem Bildungssystem ein.

www.potentialo.de

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